Resilienz und Selbstliebe

 

„Veränderung findet dann statt, wenn du das wirst, was du bist.“

Arnold R. Beisser

 

 

"Das ganze wird ungefähr eine Stunde dauern. Wissen Sie schon, woran Sie denken möchten?“ Er legt mir eine Decke über die Beine und wendet sich zum Gehen. 

„Ich lasse das hier jetzt einfach mal auf mich zukommen“, antworte ich und schließe die Augen. 

„Gut. Dann fangen wir jetzt an“, höre ich ihn sagen. Dann schließt sich die Tür und ich bin allein mit der Röhre in meinem Rücken. 

Die Liege unter mir bewegt sich, fährt ein Stück zurück, rein in die Maschine. Sie kommt zum Halten. Um mich herum Plastik. Überall um mich ist Weiß. Kalte Luft wird in mein Gesicht geblasen. Ein Mann vor der Tür hatte mir kurz zuvor gesagt: „Das ist wie im Flugzeug. Soll die Gemüter runterkühlen. Wenn wenig Platz da ist...“

Hier ist wenig Platz. Und ich soll mich nicht bewegen. Also liege ich da. Höre meinem Herz zu, wie es pocht. Versuche mich auf den Atem zu konzentrieren und auf positive Gedanken. ‚Alles wird gut.’

Eine Stunde liege ich nun also in dieser Maschine, die meinen Kopf und meinen Rücken durchleuchtet. Eine Stunde alleine mit meinen Gefühlen und mit meinem Verstand, der unaufhörlich Gedanken produzieren will.  

‚Alles wird gut. Einfach weiter atmen.’

Und dann beginne ich. Unten bei meinen Füßen. Ich erzähle meinen Füßen, dass alles gut ist. Dass sie sich entspannen dürfen. Dass sie grade nichts tun können. Nichts tun müssen. Einfach nur da sein. Und so wandre ich durch meinen Körper. Ein Mal. Zwei Mal. Von unten, nach oben und wieder zurück.

Irgendwann wird mein Arm kalt. Das Kontrastmittel strömt durch meine Vene und verteilt sich von dort in meinem Körper. Ich merke es kaum. Ich atme. Und bin bei mir. Wiege meine eigene Angst in den Schlaf und erzähle mir selbst, dass alles gut wird. Wieder und wieder.

 

Eine Stunde später werde ich aus dem MRT rausgezogen. Ein Pfleger kommt, stöpselt mich ab. Er lächelt und kann mir dabei in die Augen schauen. Ich interpretiere das als gutes Zeichen. ‚Alles wird gut.’

„Hatten Sie schöne Gedanken?“, fragt er mich, während er die Decke zusammenfaltet.

„Ja, die hatte ich. Danke.“ 

 

Auf der Station ist es Abend. Mein erster Aufenthalt in einem Krankenhaus. Ich habe mich noch nicht an diese Umgebung gewöhnt. Vermutlich gewöhnt sich da niemand so wirklich dran. Es ist spannend diese Institution Krankenhaus von innen zu betrachten. Früher wollte ich selbst Ärztin werden. Nun sehe ich den Alltag der Ärzte, beobachte ihn von außen Tag und Nacht und denke mir, dass ich ganz froh darüber bin, dass ich diesen Weg nicht gegangen bin. Auch wenn mich das Wissen, das diese Menschen sich angeeignet haben, wirklich fasziniert. 

Ich setzte mich auf mein Bett, in dem kahlen Zimmer auf der Station 43 und schaue aus dem Fenster. Die Welt da draußen wird bereits wieder dunkel. Verrückt wie schnell man den Bezug dorthin verliert, wenn man dem Rhythmus eines Krankenhauses unterworfen wird.

Ich stecke meine Nase in das Buch. Mehr ist grade nicht zu tun. Ich weiß, dass beunruhigende Diagnosen mithilfe der ganzen Tests der letzten eineinhalb Tage ausgeschlossen werden sollen, aber ich will nicht über sie nachdenken. Viel lieber möchte ich weiter in der Welt dieses Romans verschwinden. Morgen ist genug Zeit für „Was-passiert-wenn“. Dann, wenn der Oberarzt vor mir steht und mit mir die Ergebnisse bespricht. Bis dahin kehre ich zurück in diesen Raum in mir, in dem alles gut ist und in dem nur Ruhe ist und Frieden...

 

Genau eine Woche ist diese Szenerie nun her. Es gibt keine Diagnose. Das ist gut, denn nun ist klar, dass mir nichts Beunruhigendes fehlt. 

Eine Patientin im sehr guten allgemeinen Gesundheitszustand wurde also vor sechs Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Doof nur, dass die Ärztin beim Versuch mein Rückenmark zu punktieren nicht ganz erfolgreich war und ich nun schmerzbedingt trotzdem noch in der Schule „ausfalle“. Alle Bedingungen für eine „Krise“ erfüllt. Und so war ich die letzten zwei Tage wieder mitten drin in den alten Gedanken, in der Scham und in der Minderwertigkeit, die mir in einer Zeit der Vulnerabilität eingepflanzt wurden und die in fruchtbarem Boden tiefe Wurzeln haben schlagen können.  

Gut aber auch, dass ich mittlerweile die Wege meines Geistes kenne – und ihn umleiten kann in schönere Gefilde. Dieses Mal wollte ich über die Selbstfürsorge hinaus. Dieses Mal wusste ich, dass ein wenig Ruhe und eine Pause nicht dazu beitragen würden, dass ich am nächsten Tag wieder fit auf der Matte stehen würde. Dieses Mal rieten mir die konsultierten Ärzte dazu, mich zu schonen und gut auf mich acht zu geben. Mindestens weitere sieben Tage lang. Ungeachtet der Tatsache, dass draußen, vor meinem Fenster, das Leben weiter geht, Notenkonferenzen stattfinden, GFS abgenommen werden müssen, meine Jahrgangstufe 2 unmittelbar vor ihrer ersten Langzeitklausur steht und meine 9. Klässler in der nächsten Woche einen Literaturtest schreiben sollen. Ganz zu schweigen von meiner Yogastunde in der letzten Woche, die ich ausfallen lassen musste und von den ganzen Stunden, die nun von meinen Kollegen übernommen werden. Ihr merkt schon – für einen pflichtbewussten und zu Perfektionismus neigenden Menschen wie mich die beste Ausgangsituation für Selbstmater wie es im Dezember der Fall war.

 

Und so lauschte ich eine Weile dem Geplapper in meinem Kopf. Dem Monkey-Mind, das auf Hochtouren lief, alte Geschichten erzählte, die vor meinem inneren Auge lebhaft abliefen und mir in Form meines alten Schulleiters bittere Vorhalte machten. In dieser Situation nahm ich mir vor zuzuhören und durch die Gefühle der Scham und der Minderwertigkeit durchzugehen. Wozu das Ganze? Ganz einfach: Um am Ende wieder ein Stück weiter zu sein auf meinem Weg zu Selbsterkenntnis und –bewusstsein. Und was soll ich sagen? Es hat geklappt. Es gab Erkenntnisse und es gibt neues Bewusstsein...

 

„Lehrer werden nicht krank.“ – Das ist ein Mantra, das ich in mir trage (trug?) und das ich aus dieser Zeit der Verletzlichkeit mitgenommen habe in meine neue Schule, die so ganz anders ist, so viel liebevoller und achtsamer – und trotzdem, die Tage in der rauen und harten Atmosphäre meiner ehemaligen Schule sind tief in mir eingebrannt. Gute alte preußische Maßstäbe: Als Beamter hat man alles zu geben! Man stellt sich in den Dienst des Staates, der einen ernährt. Lehrer werden nicht krank! Gute Lehrer werden nicht krank, nur um mal ganz genau zu sein. 

Ergo: Bin ich krank, bin ich ein schlechter Lehrer, so die Schlussfolgerung meines Geistes. 

Was mein Kopf nicht hinbekommen hat, in all den Jahren, seit ich diesen Satz zum ersten Mal gehört habe, war die Erkenntnis, dass das Bullshit-FM-Gelaber aus dem letzten Jahrhundert ist. Erzählungen von Menschen mit anderen Werten, als meine eigenen. Menschen, die nicht zu sehen scheinen, was mir plötzlich so klar und deutlich vor Augen stand, wie noch nie: Lehrer sind auch nur Menschen. 

Ich bin auch nur ein Mensch. Und Menschen werden nun mal krank, verletzen sich oder haben mit sonstigen Herausforderungen des Lebens zu kämpfen. Punkt. Das klingt total simpel, aber ich musste in den letzten Tagen erkennen, dass ich diese einfache Wahrheit für mich selbst noch nicht erkannt hatte. Zu laut dieses alte Geplapper, die alten Verurteilungen und die alten Vorbehalte. Da hat mein Geist ganze Arbeit geleistet beim Bilden von Glaubenssätzen, die nicht meine eigenen sind...

 

Ich gebe zu, es gibt diese Menschen, die gerne faul sind und die gerne ihr Wochenende um einen Tag noch vorne oder nach hinten verlängern, die am Mittwoch eine Pause von der Woche brauchen oder diese Auszeit strategisch günstig auf den Dienstag oder den Donnerstag legen, weil es da weniger auffällt. 

Die allermeisten meiner Kollegen gehören nicht zu diesen Menschen. Die allermeisten Lehrer, die ich bisher kennengelernt habe, gehören zu den Menschen, die immer mehr machen, als sie müssten, weil sie ihr Leben in den Dienst von anderen gestellt haben – und zwar aus Überzeugung. 

Auch solche Menschen werden krank. Vielleicht sogar noch eher als diejenigen, die sich hin und wieder diese strategischen Pausen gönnen. Pausen, die ich nicht zwingend gutheiße, aber die mir zeigen, dass da ein Mensch ist, der nach sich selbst schaut. 

 

Und das ist etwas, das können Lehrer oftmals nicht so gut. Sie schauen nicht primär nach sich, sondern meistens erst einmal nach den anderen. Viele von ihnen streichen, wenn es wieder mal hart auf hart kommt, als erstes ihre eigene Freizeitgestaltung ein, um sicher zu stellen, dass ihr Unterricht gut vorbereitet ist und die Klausuren rechtzeitig korrigiert werden können. Sie bereiten sich auf mündliche Prüfungen ebenso lange vor, wie ihre Schützlinge – vielleicht sogar noch länger, weil sie um all die Eventualitäten wissen, die in einer solchen Prüfung vorkommen können. Sie schleppen sich oftmals noch mit einer Grippe in die Schule, nur um die Klassenarbeit noch schreiben zu lassen oder die GFS noch abzunehmen. Und erst dann, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, dann nehmen sie sich raus – und kommen wieder sobald es irgendwie möglich ist.

Der Lehrplan muss eingehalten werden. Die Unterrichtsstunden dürfen nicht ausfallen. Zu groß die Angst vor den Eltern, vor der Meinung der anderen.

 

Natürlich ist es nicht gut, wenn Stunden ausfallen. Natürlich ist es nicht gut, wenn Stoff eingespart werden muss, weil ein Kollege oder eine Kollegin längere Zeit ausfällt. Aber was lernen die Schüler von Lehrern, die krank in die Schule kommen? Primär, dass das eigene Wohlbefinden nicht so wichtig ist. 

Das ist edel – aber irgendwie auch eitel. Meistens ist es doch so, dass das Leben da draußen auch ein paar Tage ganz gut ohne einen zurecht kommt. 

Und jede Klasse profitiert von einem Lehrer, der frisch und motiviert wieder in den Unterricht starten kann. Der da ist für seine Schüler und ihre Bedürfnisse und der die physischen und psychischen Kapazitäten hat, um ihnen freundlich, kompetent und offen zu begegnen, um mit ihnen gemeinsam das Ziel der Stunde zu erreichen. 

 

Ich selbst war immer eine der ersten, die den anderen sagte: Schau nach dir. Wenn du krank bist, dann bist du krank. Es geht auch mal ein paar Tage ohne dich. 

Mir selbst habe ich so was nie gesagt. Mir selbst hat in solchen Momenten immer die Stimme meines Schulleiters gesagt, dass man sich über mich beschweren wird und dass ich mich mal zusammenreißen soll. 

Mich selbst habe ich nicht liebevoll in den Arm genommen und wie ein Freund zu mir gesprochen. In mir hat die Stimme dieses preußischen Antreibers gebellt und mich zur Räson gebracht. Kein Wunder, dass ich Angst davor hatte, krank zu werden – nahezu Panik, zumindest in der Zeit an meiner alten Schule.

 

Es ist befreiend zu erkennen, dass das Fesseln einer alten Zeit sind und dass diese geistigen Fesseln gesprengt werden können durch die Erkenntnis, dass das alles nichts mit mir zu tun hat. 

Es ist befreiend zu merken, dass ich mir selbst sagen kann, dass alles gut ist in Situationen, in denen man mir früher zu verstehen gab, dass ich eine Enttäuschung bin. 

 

Traurig, dass ich das so lange selbst geglaubt habe. Dass ich nicht gesehen habe, was ich alles für meine Schüler und für meine Schule tue, sondern meinen Geist immer noch an dem festgehalten habe, was ich alles falsch mache, wofür es mich abzustrafen gilt. 

 

Beglückend sich selbst sagen zu können, dass ich keine Enttäuschung bin, sondern vielmehr eine Lehrerin, die jeden Tag, wenn sie in der Schule ist, alles gibt – und die darüberhinaus aber eben auch noch ein Mensch ist, der sich selbst so sehr liebt, dass er sich eine Pause nimmt, wenn diese Pause nötig ist um wieder neue Kraft zu schöpfen und dann weiter zu gehen – weiter in meinem bunten Leben voller Ziele und Potentiale, das Herausforderungen birgt, die mithilfe von Selbstbewusstsein und Selbstkenntnis jedes Mal aufs Neue wieder bewältigt werden können. 

 

Wieso schreibe ich all das und so ausführlich? 

Weil ich denke, dass es ein Thema ist, das aktuell ist und das viele Lehrer und nicht nur Lehrer, sondern viele Menschen in unserer Gesellschaft da draußen betrifft. Vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie das bei mir der Fall (war). Aber für viele von uns ist das Thema Kranksein scham- und angstbesetzt, weil in unserer konsumorientierten Gesellschaft das Prinzip „höher-schneller-weiter“ gilt. Schwächen eingestehen macht uns schwach in den Augen der anderen. Die nächste Beförderung ist vermeintlich davon abhängig, dass wir immer da sind und auch in Phasen der Krankheit heldenhaft zur Arbeit erscheinen. Pausen machen und in sich selbst ankommen ist noch nicht salonfähig, auch wenn mehr und mehr Menschen Yoga und Meditation für sich entdecken. Doch wer lässt die Prinzipien von Yoga wirklich an sich ran? Wie viele nutzen ihn, nutzen Meditation um sich selbst zu optimieren? So wie die vielen anderen Dinge im Leben. Sport um gut auszusehen. Die richtige Diät um die richtige Kleidung tragen zu können. Wir leben für das Außen. Für die Menschen in unserem Umfeld und ihre Anerkennung und Wertschätzung. Für mich führt das nicht dazu, dass wir bessere Lehrer oder allgemein bessere Menschen werden oder einen besseren Job machen. Für mich führt das dazu, dass wir in uns immer diese dunklen Gefühle der Angst und der Scham tragen, wenn wir uns in Momenten der Krankheit, des Schmerzes oder der Verletzung befinden – und dass diese Gefühle uns umschatten, weil sie nicht gelebt werden dürfen. 

Für mich führt das dazu zu sagen, dass es Zeit wird für ein neues Verständnis von Lehrer- und Menschsein. Ich finde, dass es an der Zeit ist, dass wir unsere inneren Anteile in den Arm nehmen, für uns selbst einstehen und uns selber einfach gut finden. Dass wir unsere eigenen Freunde werden und eine gute Zeit außerhalb der Schule und unserer Jobs verbringen. Dass wir lernen abzuschalten und einfach nur Menschen zu sein. 

Es wird Zeit für Selbstmitgefühl, statt innerer Dauerkritik. Für Mut- anstatt von Angstansagen. Für inneres Lächeln auch in schwachen Momenten und dafür, uns selbst eine freundschaftliche Hand zu reichen immer dann, wenn wir unseren Schwächen begegnen. 

 

Aus der Erfahrung der letzten Tage kann ich sagen: Es macht mutiger, entschlossener und authentischer, wenn man auch in den Momenten zu sich steht, sich selbst wertschätzt und sich selbst zuhört, wenn man „krank“ und „schwach“ ist. Es macht freier und lebendiger, wenn man sich selbst in diesen Momenten liebevoll in den Arm nimmt und sagt: „Alles wird gut.“