Grenzen durchbrechen

 

"Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen."

Dietrich Bonhoeffer

 

Manchmal habe ich Angst vor meiner eigenen Courage. Besonders dann, wenn ich müde bin und die Latten meiner mentalen Schutzwälle noch tiefer liegen, als sie das ohnehin für gewöhnlich tun. Dann, wenn meine Gedanken wie wild übereinander zu purzeln scheinen und sich am liebsten an Sorgen und Problemen festbeißen. An dem, was ich alles falsch mache und/oder nicht kann. An dem, was ich alles komisches gesagt und an dem, was ich alles nicht richtig gemacht habe. An solchen Tagen wird der Kritiker in mir laut, der mich fragt: "Was sollen die anderen nur denken? Wieso hörst du nicht mit all dem auf?"

An solchen Tagen brennt ein Gefühl in meiner Brust, das mich am liebsten zum Laptop gehen lassen würde, damit ich diese Website lösche und alle anderen Spuren verwische, die ich auf dieser Welt bereits hinterlassen habe. Dieses Gefühl will am liebsten, dass ich aufhöre Yoga zu unterrichten, keine Seminare für fremde Menschen mehr gebe, meine Gedanken und Gefühle nicht in Form eines Blogs vor der Welt ausbreite und keine Unbekannten im Rahmen des Coachings mehr begleite... Es rät mir "einfach nur" Lehrerin zu sein. Das sei doch schon Aufregung genug... 

Dieses Gefühl, die Angst, ist bisweilen ein schlechter Berater. Vor allem dann, wenn sie uns von hinten übermannt und sich unsere müden Momente zunutze machen will. 

 

In den letzten zwei Tagen war ich müde. Die Woche war ereignisreich und anstrengend. Sie war voller Unterhaltungen und Aufgaben und nachdem ich dank iTYPE nun schwarz auf weiß habe, dass ich zwar gerne im Austausch (dafür steht das "e" auf der Ebene der Energieaufnahme), aber eben genau so gerne auch mit mir alleine bin (das ist das "i" auf der selben Skala) um meine Batterien wieder aufzuladen, habe ich dieses Wochenende herbei gesehnt. Tricky an diesen Wochen ist, dass sie mich müde machen und ich dann in der ersehnten Stille und dem Alleinsein ankomme - und trotzdem erst einmal keine Ruhe in mir selber finden kann, weil all die Erfahrungen, all die gesprochenen Sätze und die erlebten und aufgenommenen Gefühle unverarbeitet in mir ruhen. 

 

Wie gut, dass ich über Yoga und Coaching nicht nur schreibe, sondern sie auch in meinem eigenen Alltag Einzug gehalten haben und so war mir nach dem zweiten "Wieso hörst du nicht mit all dem auf?" gestern ziemlich schnell klar, dass ich erst einmal etwas für mich tun muss, um wieder zu mir zu finden und mich zu fokussieren. 

Also ging ich mit mir selbst spazieren und im Anschluss daran mit mir selbst auf meine Matte. Nachdem das tatsächlich für eine kurze Zeit der Ruhe in mir gesorgt hatte, versuchte ich mich aufs Lesen - und wurde direkt wieder auf die Fragen in meinem Inneren zurückgeworfen. Ich hatte nachmittags einen Coaching-Telefon-Termin, auf den ich mich sehr freute, für den ich aber auch wieder zu mehr Konzentration und Klarheit finden musste. Also schrieb ich alles auf, was mir so durch den Kopf geisterte. Der Telefontermin war super schön - mich bestärkend in meinem Wunsch danach, Jugendlichen auf ihrer Suche nach dem richtigen Berufsfeld ein Stück weit zu begleiten. Doch nachdem der Samstag damit recht friedvoll zu Ende ging, erwachte heute Morgen mit mir auch direkt wieder diese Frage: "Wieso hörst du nicht mit all dem auf?" 

Ordnung im Außen sorgt bei mir meist auch für Ordnung im Innern und so machte ich mich ans wöchentliche Staubsaugen. Und siehe da - die Frage war nicht laut genug. Sie kam nicht gegen das Rauschen des Staubsaugers an. Viel mehr tönte plötzlich eine Erkenntnis in mir sehr laut und klar: ich kann nicht damit aufhören. Ich bin nicht bereit aufzugeben. Mein Wunsch danach, anderen zu helfen und meinen vielseitigen Interessen Ausdruck zu verleihen ist stärker als die Angst davor, Fehler zu machen. Es war ein friedvolles und trotzdem ein berauschendes Gefühl, das mit dieser Erkenntnis Hand in Hand durch meine innere Welt spazierte und mein eigenes Empfinden innerhalb eines Wimpernschlags Zeit von Grund auf veränderte. Ich fühlte mich plötzlich wie der eigene Held in meinem Leben. So, als hätte dieser Gedanke in mir eine Grenze durchbrochen. Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein waren auf einmal wieder nicht einfach nur Floskeln auf meiner Werteliste, sondern empfundene Wirklichkeit. Um den Ton des Wochenendes noch ein klein wenig mehr zu verändern, machte ich - das erste Mal seit Wochen - wieder einmal Musik an und wählte ein Album, das ich nicht kannte, von einem Interpreten, den ich früher einmal sehr geliebt habe. Fröhliche, starke Musik, die zum Soundtrack meines inneren Films passte. 

 

Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, mutig zu sein und stark. Meine Wahrheit zu sprechen, auch wenn das bedeutet, an der ein oder anderen Stelle anzuecken und vor allem nicht nur zu denken, sondern auch zu handeln - in dem Vertrauen darauf, dass alles gut wird und das Leben mich trägt. Meine Komfortzonen immer wieder aufs neue zu verlassen, um die Welt um mich herum mit dem zu bereichern, was ich in mir trage. Neues Wissen nicht immer nur für mich zu generieren, sondern andere an ihm teilhaben zu lassen. 

Für mich gehört zum mutig sein dazu, die eigenen Schwächen zu zeigen, sie nicht zu beschönigen und sie in ihrer Unvollkommenheit anzuerkennen und zu lieben. Deswegen schreibe ich diesen Post. Und das obwohl ich eigentlich ein schüchterner Mensch bin. Einer, der sich oftmals fragt, ob das, was er gesagt hat, beim anderen auch so angekommen ist, wie es gemeint war. Einer, der Begegnung wieder und wieder rekapituliert, bis sie im eigenen Innern zu einem bunten Strudel aus Bewegungen und Farben verwischen. Einer, der eigentlich nicht dafür gemacht zu sein scheint, jeden Tag vor verschiedensten Klassen voller Jugendlicher zu stehen und diese Arbeit doch so sehr liebt. Einer, der im Grunde nichts furchtbarer findet, als vor Fremden ein Seminar zu halten und trotzdem bereits seit Wochen wieder mit den Koordinatoren der Weiterbildungen in Bad Wildbad in Kontakt steht, um ein Termin zu finden, an dem die nächste Fortbildung stattfinden kann...

Was ich damit sagen möchte? Ganz einfach: es lohnt sich, die eigenen Grenzen zu durchbrechen. Es lohnt sich, auf das Leben zu vertrauen und das gemütliche Sofa zu verlassen. 

  • Ich bin mir sicher, dass wir alle der Welt etwas zu geben haben und dass es sich lohnt, mit diesem "etwas" nach draußen zu gehen. 
  • Ich bin mir sicher, dass wir hier sind, um genau das zu tun - unser "etwas" mit der Welt zu teilen - auch, wenn das bisweilen bedeutet, dass wir Grenzen durchbrechen und uns unseren Ängsten stellen müssen... 

In dem Sinne wünsche ich euch allen noch einen schönen, einen mutigen Sonntag. 

Herzlichst, 

eure Linda