Lehrerin - Der beste Beruf der Welt!?

 

Für mich ist Lehrerin sein der beste Beruf der Welt! Und das hat bereits mit dem Tag begonnen, an dem ich das erste Mal die Schule "von der anderen Seite" betreten durfte...

 

Ich kann mich noch sehr gut an die Tage meines Praxissemesters erinnern. Ich war so unglaublich erfüllt von den Erfahrungen, die ich an der Schule, am Seminar machen durfte. Ich wollte alles ausprobieren und ich wollte alles wissen über diesen neuen und vollkommen unerwarteten Glücklichmacher. Unerwartet - ja, ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Job, der mir von anderen ans Herz gelegt worden war, wirklich der werden sollte, der mich von innen nach außen so umfänglich glücklich werden lassen würde. Also nahm ich jede "Herausforderung" an, die sich mir in diesen Tagen entgegen stellte. Unterrichtete in der Unter-, Mittel- und der Oberstufe. Saß stundenlang für eine Doppelstunde "Nathan" am Schreibtisch und schaffte es dann in den 90 Minuten nicht alles zu unterrichten, was ich mir vorgenommen hatte... Ich ging mit auf Exkursionen und auf den Lehrerausflug und saß staunend in den GLKs - das tue ich heute noch manchmal, inzwischen allerdings oftmals aus anderen Gründen...

 

Dieses Gefühl des Glücks ließ auch im Referendariat nicht nach, was mich im Rückblick noch immer erstaunt, denn das war aus vielen, vielen Gründen eine der furchtbarsten Zeiten meines Lebens. Doch keiner dieser Gründe war in der Schule oder auch nur in den Ausbildungsbedingungen am Seminar oder der Schule zu suchen, wenn man das auch meinen könnte. Mir war egal, ob jemand da hinten in meinem Unterricht saß und mich beurteilte. Mir war nicht wichtig, was der oder die Fachleiter*in über die Stunde dachte - Hauptsache meine Schüler waren glücklich und durften etwas von mir lernen. Dass die Fachleiter*innen darüberhinaus dann auch noch zufrieden mit mir waren, war natürlich ein netter kleiner Nebeneffekt, der vermutlich auch sehr viel mit meiner ungebrochenen Begeisterung für den Umgang mit den Schülern und den vielen verschiedenen Aufgaben in und für die Schule zu tun hatte. Auch im Referendariat wollte ich wieder alles ausprobieren und alles wissen. Ich organisierte selbst eine Exkursion für meine Neuner, fuhr mit einer "gefürchteten" Zehnten auf ihre Abschlussfahrt mit, ließ meine Geschichtsklassen Wandzeitungen und Geschichtszeitungen gestalten und stockte, sobald das von Seiten des Seminars erlaubt wurde, mein Deputat auf, um zwei weitere Klassen zu unterrichten...

 

In meiner Euphorie und der eigenen Begeisterung für die Schule und das Lehrersein-Üben entging mir natürlich nicht, dass es um mich herum einige Kollegen gab, denen diese in den Jahren verloren gegangen war - oder die diese in diesem Maß für den Beruf Lehrer vielleicht auch niemals besessen hatten. 

Dass die Freude am täglichen Tun des Lehrers irgendwann einmal verloren gehen könnte - das war mir also bewusst und ich stellte mir selbst die Frage, woran das wohl liegen mag.

 

Es gibt viele Gründe, so denke ich. Fehlende Verbindung zu den Schülern, mangelnde positive Rückmeldungen von den Klassen oder Kursen, unzureichende Mitarbeit und/oder Begeisterung der Kinder und Jugendliche in und für den eigenen Unterricht, schwierige Klassenkonstellationen, unangenehme Elterngespräche, anstrengende Phasen innerhalb eines Schuljahres, die vor immerwährende Herausforderungen stellen, scheinbar niemals schwindende Korrekturberge, mangelnde Unterstützung von Seiten des Kollegiums oder der Schulleitung, als Gängeleien empfundene Neuerungen und Änderungen von Seiten der Ministerien, eine als unangenehm empfundene Atmosphäre im Lehrerzimmer, ein anstrengender Stundenplan, viele Hohl- und Vertretungsstunden, unvorhergesehene Termine, die wahrgenommen werden MÜSSEN und, und, und... Kumuliert all dies - oder auch nur ein kleiner Teil von diesen empfundenen Stressoren, dann können wir nicht mehr frei atmen und fröhlich von der Leber weg behaupten, dass Lehrersein der tollste Job der Welt ist. Dann fehlt uns die Luft zum Atmen. Wir fühlen uns gegängelt, eingepfercht in ein Korsett aus To-Dos and Don'ts... Und ich denke, dass es niemanden gibt, der nicht in jedem Schuljahr mit mindestens zwei oder drei dieser externen Stressoren in Berührung kommt und so immer wieder an die eigenen Grenzen stößt. 

 

Als Lehrer braucht man - so meine Meinung - also am besten viel, verdammt viel intrinsische Motivation für seinen Job, sind doch - wie eben festgestellt - die äußeren Bedingungen oftmals eher hemmende Faktoren als Motivatoren.

 

Intrinsische Motivation also als geheimes Wundermittel gegen Resignation. Motivatoren in Form von Visionen, Träumen und dem Willen, junge Menschen auf ihrem Weg in ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben ein kleines Stück zu begleiten - einen Sinn in seinem Tun zu finden, ist immer eine Quelle der Motivation - das ist eine gute Basis für ein langes, zufriedenes Lehrerleben. Das UND die Fähigkeit zu selbstwirksamen Tun. Was ich damit meine?

 

Stundenplan, Bildungsplan, Rhythmisierung, Schultermine wie GLKs, Elternabende, Elternsprechtage und Co, Klassengröße und -konstellation, Deputat und, und, und - das alles sind Faktoren, an denen wir nur wenig selbst ändern können. Und doch ist es für uns als Menschen so verdammt wichtig, unser Tun als selbstwirksames Handeln zu empfinden. Nicht nur reagieren, sondern selbstverantwortlich agieren. 

Wir können nicht alles kontrollieren. Wir haben nicht alles in der Hand. Wir können uns darüber ärgern und ja, manchmal ist es auch einfach wirklich nur Mist, was im Klassenzimmer passiert oder hinter geschlossenen Türen der Schulleitung oder Ministerien über uns entscheiden wird. Manchmal aber ändert die Perspektive bereits das Gefühl und den Ärger loslassen schafft Raum für neue, eigene Ideen, wie mit der Situation noch umgegangen werden kann... Und schon reagiert man weniger, als dass man agiert und das Gefühl ist ein vollkommen neues. Es ist wieder mehr Energie für den Schulalltag und vor allem auch das Menschsein da. Zum Ja sagen, zum Leben und all den anderen wundervollen Impulsen, die es für uns neben der Schule bereithält. Und vielleicht auch zum in sich selbst hineinhorchen und sich fragen: Was würde die Liebe tun? Was sagt mein Herz zu all dem, was mir grade widerfährt. 

 

Inseln der Eigenverantwortung schaffen, in diesen Wellen der Anforderungen. Pausen als Pausen gestalten - rausgehen, frische Luft schnappen, ein leckeres Essen von zu Hause mitnehmen und bewusst im Sitzen essen, im Austausch mit netten Kollegen sein, vielleicht auch einmal eine kleine Yoga-Reihe oder eine Mini-Meditation in den Hohlstunden machen - von einem Klassenraum zum nächsten gehend bewusst atmen. Erst alles in Ruhe einpacken, für einen Moment die Augen schließen und wieder zu sich und dem eigenen Atem finden, bevor man in den nächsten Klassen- oder Fachraum hektikt - das sind kleine, winzig kleine Möglichkeiten für eigenverantwortliches Agieren im Kontext Schulalltag. 

Sich selbst regelmäßig reflektieren und nach den Gründen fragen, die einen diesen Job nachgehen lassen. Sich an die schönen Momente mit den Schülern erinnern - mögen sie manchmal auch noch so klein sein. 

Die eigene Begeisterung für das eigene Fach ehrlich hinterfragen. Macht mir das, was ich unterrichten "muss" überhaupt noch selbst Spaß? Wenn nicht, dann ist es vielleicht Zeit um die eine Lektüre durch eine andere zu ersetzen oder sich einen anderen Zugang zu einem naturwissenschaftlichen Phänomen zu überlegen. Es sind viele Wege, die nach Rom führen...

Schule, Schule sein lassen können, die Stunde vielleicht einmal nicht perfekt durchdenken um am nächsten Tag ausgeschlafen und voller neuer Energie wieder von vorne zu beginnen. 

 

Was ich damit sagen will? Dass wir uns nicht treiben lassen dürfen. Dass wir uns von dem Gefühl verabschieden können, dass nur über uns entschieden wird. Dass wir es in der Hand haben, aus den Situationen für uns gelingende zu schaffen. Und in letzter Konsequenz, dass wir uns immer wieder bewusst neu für diesen Job entscheiden sollten - für uns und für die Schüler, die in gewisser Form von uns "abhängig" sind. Und auch von unserer Begeisterung - oder Nicht-Begeisterung für unser Tun als Lehrer...

 

Ich selbst hatte nach den Höhenflügen im Praxissemester und im Referendariat bereits tiefe Abstürze und habe komplett in Frage gestellt, ob ich noch Lehrerin sein möchte. Ich habe mich bewusst in diesen Situationen und auch danach immer und immer wieder mit der Frage konfrontiert: Ist es das noch, oder möchtest du nicht lieber etwas ganz anders machen? In deinem und auch im Sinne deiner Schüler...

Bisher habe ich immer wieder unzählbar viele Gründe gefunden, doch wieder weiter zu machen und nicht doch ganz Yogalehrerin oder doch ganz Coach zu werden - auch wenn beide "neuen" Berufungen mich auch unfassbar glücklich machen. Noch könnte ich nicht ganz ohne Schule. Nicht ganz ohne meine Schüler, die unfassbar großartigen kleinen und etwas größeren Charaktere, von denen ich beinahe täglich noch selbst etwas lernen darf, nicht ganz ohne meine wundervollen Kollegen und auch nicht ganz ohne das Unterrichten von meinen beiden geliebten Fächern, von Yoga, Theater... 

 

Dazu habe ich die Hoffnung, dass ich durch meine Weiterbildung als Yogalehrerin vielleicht noch etwas ändern - etwas noch besser machen kann an unseren Schulen... Sie zu Orten werden lassen kann, in denen mehr Raum ist für Achtsamkeit, für Selbstentwicklung und Wachstum, für Entschleunigung und damit auch für mehr Bewusstsein und weniger Stress. Das Potential ist auf jeden Fall da - und auch das ist ein Motivator für mich: Schule jeden Tag ein klein wenig besser machen. Und wenn es nur für einen Kollegen oder einen Schüler etwas bewirkt... 

 

Was ist deine intrinsische Motivation? Was macht dich als Lehrer aus? Was macht dich als Lehrer glücklich? Was lernst du dazu - von Schülern, von Kollegen? Was kannst du geben? Was möchtest du geben? Wo kannst du selbst an Schule noch wachsen? Wächst du überhaupt noch und falls nein, wieso nicht? 

 

Vielleicht findest du für dich selbst Antworten auf diese Fragen, solltest du in den gleichen Berufs-Schuhen durch dein Leben stapfen, wie ich das tue. Und vielleicht werden diese Schuhe durch solche Fragen auch für dich wieder zu fliegenden Sohlen, die dich mehr durch dein Leben tragen, als dich nach unten ziehen. 

 

Das wäre mein Wunsch für dich... 

 

Take good care.

Deine Linda 

 

PS: Was hat das alles mit Yoga und oder Coaching zu tun!? Das frage ich mich oft, wenn ich über Schule und über Yourcalling nachdenke und nach der Brücke zwischen beidem suche. In diesem Fall habe ich die Antwort in einem Zitat von T. K.V. Desikachar gefunden:

 

„Yoga Praxis hat das Ziel, die Störungen und Unruhe in einem Menschen zu verringern und die in ihm wohnenden  Möglichkeiten wieder zur Geltung zu bringen,  einen Seinszustand von größerer Zufriedenheit und Harmonie zu entwickeln.“

 

T. K.V. Desikachar