Neuanfang

[...]

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, 

An keinem wir an einer Heimat hängen, 

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, 

Er will uns Stuf`um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise 

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, 

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise. 

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. 

[...]

H. Hesse: Stufen

Dieses Gedicht von Hesse ist wohlbekannt. Es begegnet auf vielen Karten, in Affirmation-Impulsen auf Pinterest oder Instagram. Doch was meint Hermann Hesse mit diesen Worten? Liest man seine Worte so scheint er mit diesen vermitteln zu wollen, dass Neuanfang  die Chance auf Wachstum birgt und sich dem Neuanfang zu verschließen laut Hesse dagegen die Gefahr beinhaltet, sich zu beengen und zu erschlaffen.

Das Gedicht von dem deutschen Dichter ist schon einige hundert Jahre alt und doch, so scheint es, hat es an Aktualität nichts verloren zu haben. 

 

Doch was bedeutet Neuanfang für uns heute im 21. Jahrhundert? 

Laut dem Internet ist der Neuanfang  ein Energiegeber, ein Selbstbewusstseins-Booster, ein Abenteuer, eine Gefühlsachterbahn, ein Energieräuber, ein Grund, sich selbst zu reflektieren, ein Grund loslassen zu müssen, eine Chance zu neuem Potential zu gelangen. 

Eine Umfrage in meiner Community hat ergeben, dass für meine Instagram-Follower mit dem Neuanfang vor allem das  Loslassen, um Platz für Neues zu schaffen, verbunden ist. Außerdem das Gefühl der Freiheit die unbeschriebenen Seiten des Lebens zu genießen. Und Mut, um den Schweinehund und den Selbstzweifel zu überwinden.

 

Neuanfang im Spiel des Makrokosmos als Vorbild für uns Menschen 

Unsere Natur hat durch den Wechsel der Jahreszeiten, durch die Folge von Leben und Tod den Neuanfang implementiert - schauen wir sie an, dann sehen wir, dass es nichts Natürlicheres gibt, als den Neubeginn. So spiegelt uns die Natur, der Makrokosmos, was wir in unserem Leben, im Mirkokosmos ebenfalls erleben. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr verändern wir uns.  Wie sehr wir uns darauf einlassen und wie groß die Veränderungen in unserem Leben sein dürfen, das hängt viel mit unserer mental-emotionalen Verfassung, mit unserer Persönlichkeit und ihren vielen Anteilen zusammen. Wie sehr halten wir an Altem fest? Wie viel Bereitschaft bringen wir mit, uns auf Neues einzulassen. Uns auch unseren Ängsten zu stellen und dadurch unsere Komfortzone zu verlassen.

 

Der größte Widerstand - unser Komfortzonen-Liebhaber, das Ego

Unser Ego liebt unsere Komfortzone. Unser Ego hält an ihr fest und versucht alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir uns aus ihr besser nicht heraus begeben. Das Ziel: unser Überleben. Deswegen konfrontiert es uns mit Ängsten - auf die gehe ich in einer der kommenden Folgen noch genauer ein. Auch unsere Erfahrungen, die Erfahrungen unseres Egos mit Neuanfängen, spielen eine Rolle bei der Bereitschaft, uns immer wieder an diese heranzuwagen. Bewerten wir diese in der Gegenwart negativ, dann wird es schwieriger, sich immer wieder zu Neuem im Leben zu motivieren - und doch können wir lernen, die negativen Bewertungen abzulegen und mit einem anderen Bewusstsein ins Neue zu starten.

 

Yoga und Neuanfang

Dabei kann uns beispielsweise der Yoga helfen . Auch Yoga weiß um die Natur der Veränderung im Leben eines Menschen. Wir haben gute und wir haben schlechte Zeiten - und in all diesen hilft uns ein Blick in die Philosophie des Yoga: „jede unserer mentalen Aktivitäten kann dazu beitragen, dass wir Beschwernis erfahren oder dass wir uns wohler fühlen“ - Patanjali

Das heißt, dass unser Geist eine große Rolle bei der Bewertung von Ereignissen spielt und dass die Gedanken, die sich um diese spinnen, uns gut oder weniger gut fühlen lassen können - ein Umstand, der uns sicherlich allen bekannt ist. 

Und so bleibt festzuhalten, dass es sich auch beim Neuanfang, wie bei so vielem im Leben, um ein sehr komplexes Unterfangen zu handeln scheint - mit Sonnen- und mit Schattenseiten. Und wie so oft kommt es vor allem darauf an, wie wir dieses Unbekannte bewerten. In diesen Bewertungsprozess schiebt sich in vielen Fällen, wenn es um den Neuanfang geht, ein Gefühl, das uns allen bekannt, aber meist nicht sonderlich beliebt ist: die Angst. 

 

Angst - eines unserer stärksten Gefühle und eines der Gefühle, die wir am wenigsten spüren wollen

Angst spielt sich in vielen Fällen vor allem  in unseren Köpfen ab, bevor wir sie körperlich spüren können - wir antizipieren ein künftiges Ereignis als eine Bedrohung und dann setzt das beklemmende Gefühl ein, unser Puls erhöht sich, manchmal fangen wir an zu schwitzen- Unser Sympathikus ist aktiviert, unser Parasympathikus wird heruntergefahren. 

Der Vortrag, den wir halten „müssen“, das Referat, das ansteht, der unangenehme Anruf beim Vorgesetzten, das Gespräch mit dem unangenehmen Nachbarn, all das kann uns in Angst versetzen und all das ist allein in unserem Kopf als Bedrohungszenario aktiv.

Wir fürchten um unsere körperliche Unversehrtheit, wenn wir Angst haben, um die Selbstachtung oder um unseren Status in der Gesellschaft, um unsere Verbundenheit mit einer Gruppe und um so vieles mehr. 

Grade rund um das Thema Neuanfang rangen sich oftmals Ängste, manchmal sind sie so groß, dass wir uns selbst zurück- und klein halten. Dass wir eher ein Gefühl der Unzufriedenheit oder des latenten Unglücklichseins in Kauf nehmen, anstatt etwas zu verändern. 

 

Unser Ego und die Angst 

Wir fürchten das Unbekannte - unser Ego, da ist es wieder - führt uns von seinem Platz auf der Coach der Bequemlichkeit vor Augen, was uns alles passieren kann, wenn wir uns für den Neuanfang entscheiden; Ausgrenzung, Verlust, Scheitern, Enttäuschung.  Unser Geist malt sich unsere Zukunft in den düstersten Farben aus und da ist sie wieder - die Angst. Sie treibt unseren Puls hoch und drängt die Schweißperlen auf die Stirn. Viele verdrängen diese negativen Gefühle lieber schnell wieder und machen dann so weiter wie bisher - das geht schon noch, so schlimm ist das alles ja gar nicht. Puh - aber schön auch nicht, oder?

 

Wie umgehen mit der Angst?

Was hilft, ist die Angst nicht zu verdrängen und wieder in den Alltag überzugehen, sondern anzuerkennen, was grade in uns passiert. Dass du Angst empfindest, macht deine Angst bereits kleiner. Angst ist ein Gefühl, wie jedes andere auch. Wenn wir sie spüren, dann darf sie gelebt werden und verfliegt nach kürzester Zeit wieder.

Was ich mache, wenn ich spüre, dass ich Angst habe und mich diese Angst davon abhält, eine Entscheidung zu treffen und eine Veränderung in mein Leben einzuladen? Ich stelle mir vor, was das Schlimmste wäre, was passieren könnte. Und sobald ich das für mich formuliert habe, wird die Angst von selbst kleiner. Das Gefühl der Beklemmung lässt nach.

Die veränderte Perspektive, die wir einnehmen können, wenn wir dem Unbekannten das Furchteinflößende genommen haben, schenkt neues Vertrauen. Auch Selbstvertrauen und ermöglicht es, mutig auf das Unbekannte zuzugehen.

 

Was bedeutet das für dich und die Angst vor der Veränderung?

Ich möchte dich dazu einladen sie einmal wirklich zu spüren. Nimm sie wahr. Wie fühlt sich diese Angst in deinem Körper an? Wo kannst du sie wahrnehmen? Im Bauch, im Brustraum, im Kopf? Geht sie einher mit weiteren körperlichen Reaktionen wie Schwitzen oder Herzklopfen? Lässt sie dich weiter frei atmen? Wenn nicht, dann konzentriere dich zunächst genau darauf - aufs Atmen.

Nimm drei ganz tiefe und feine Einatemzüge und versuche dabei innerlich auf drei zu zählen und beim Ausatmen das noch einmal zu wiederholen. Auf drei auszuatmen. Mit jedem Ein- und Ausatmen dürften die körperlichen Reaktionen nachlassen, dein Herzschlag wieder ruhiger und dein Atemfluss wieder tiefer gehen.

 

 

Aufatmen und in ein neues Bewusstsein eintauchen

Lass dich von deiner Angst nicht abhalten dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Lass dein ängstliches Ego nicht der Maßstab werden nach dem du deine Kreise in deinem Leben ziehst, denn sonst wird es vermutlich in immer kleineren und kleineren Bahnen ablaufen. Sei mutig. Schau deiner Angst ins Gesicht, dann verliert sie ihren Schrecken und du kannst mutig den Schritt ins Unbekannte wagen.

 

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